Restaurierung der Wildunger „Sage“ brachte große Überraschung zum Vorschein
Vor allem mit seiner monumentalen Historienmalerei, aber auch durch feinfühlige Zeichnungen und Illustrationen (etwa zu Goethes „Reineke Fuchs“) war der gebürtige Arolser Wilhelm von Kaulbach (1804-1874) ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler aufgestiegen. Zum 150. Todestag widmeten ihm die Bad Arolser Museumsleiterin Sandra Simshäuser und der Museumsverein deshalb eine besondere Ausstellung: Vom 9. März bis zum 19. Mai 2024 war das breitgefächerte Wirken des bedeutenden Malers, Zeichners und Illustrators im Residenzschloss zu sehen. Unter den Schätzen dieser Ausstellung fanden sich zahlreiche Blätter, die erstmals der Öffentlichkeit präsentiert oder nach Jahrzehnten wieder gezeigt wurden. Auch die Städtischen Museen Bad Wildungen konnten sich mit einem gezeichneten Mädchenporträt und einer Ölskizze zur Allegorie der Sage an diesem Projekt beteiligen.
Gerade „Die Sage“ schlummerte dabei bis zur Leihanfrage aus Bad Arolsen recht unscheinbar im Wildunger Depot: Sie war mit einer verschmutzten Oberfläche und einem beschädigten Rahmen nicht besonders ansehnlich gewesen. Umso größer war die Überraschung, die die fachkundige Reinigung des Bildes von Restauratorin Silvia Behle (Upland Restaurierungen Willingen) nun zum Vorschein brachte: eine übermalte kleinformatigere Skizze des Motivs, das einst ab 1850 in weit größerem Format das monumentale Treppenhaus des Neuen Museums in Berlin zierte! Vom Preußischen König Friedrich Wilhelm IV. hatte Kaulbach, zu dieser Zeit schon Hofmaler des Bayerischen Königs Ludwig I. in München, den Auftrag erhalten, das oberste Stockwerk des von Friedrich August Stüler ab 1843 erbauten Treppenhauses auszugestalten. Auf gut 75 Metern umlaufender Fläche schuf er in zwanzig Jahren künstlerischer Arbeit sechs großformatige Wandgemälde, die mit „Der Zerstörung Jerusalems“, der „Hunnenschlacht“ oder dem „Zeitalter der Reformation“ die Geschichte der Menschheit nacherzählten. Kleinere Fresken auf Goldgrund trennten die figurenreichen Szenen der Monumentalbilder, die ihn berühmt machen sollten. „Die Sage“ fand sich dabei als gemalte Supraporte an der Südwand des eindrucksvollen Treppenhauses. Leider hat keines dieser bedeutenden Arbeiten Kaulbachs die Zeit überdauert: Sie waren bei alliierten Luftangriffen am 22./23. November 1943 vollständig zerstört worden. Allein die Tatsache, dass sich in Bad Wildungen eine wichtige Vorstudie der „Sage“ erhalten konnte, war eigentlich schon Überraschung genug. Der Initiative von Sandra Simshäuser war es zu verdanken, dass dieser Schatz zum 150. Todestag Wilhelm von Kaulbachs aus dem Depot geborgen und zur Restaurierung an Silvia Behle übergeben werden konnte. Diese gute intermuseale Zusammenarbeit wurde jedoch mit einer noch größeren Überraschung belohnt: So stach die Ölskizze nicht nur mit wiedererlangter Schönheit in der Ausstellung „Kaulbach 150“ zwischen anderen Werken hervor, sondern eröffnet durch die von Behle freigelegte, bisher unbekannte Skizze der „Sage“ auch ganz neue Perspektiven! Es gilt, diese bedeutende Entdeckung in einem Aufsatz festzuhalten und „Die Allegorie der Sage“ sowie ihre Provenienz in diesem Zuge genauer zu betrachten.
Einordnung und Beschreibung
„Die Allegorie der Sage“ stellte einen wichtigen Bestandteil der von Kaulbach in Berlin geschaffenen Wandfresken zur Geschichte der Menschheit dar, die von 1845-65 im Auftrag des Preußischen Königs im großen Treppenhaus des Neuen Museums entstanden und als Hauptwerke des Künstlers galten. Glücklicherweise sind einige Skizzen und Studien dieser Gemälde auf Papier oder Karton erhalten geblieben und können in der aktuellen Ausstellung besichtigt werden. Seltener scheint hingegen die farbige Ölskizze der „Sage“ aus dem Bad Wildunger Depot zu sein. Sie zeigt als zentrales Motiv eine alte Frau mit weißem Haar, die auf einer steinernen Bank sitzt. Während sie mit ihrem Runenstab im Boden wühlt und eine Krone ausfindig macht, umkreisen zwei Vögel ihr Haupt. „Die Sage“ blickt direkt in die Augen des Betrachters, ihr linker Arm ist erhoben. Durch die fachkundige Restaurierung von Silvia Behle konnte im linken oberen Bildbereich eine kleinformatigere Skizze des Motivs freigelegt werden. Sie ermöglicht nun, den Arbeitsprozess des Künstlers in drei Dimensionen zu beleuchten. Vergleicht man zunächst eine Zeichnung des Berliner Wandgemäldes mit dem zentralen Motiv der Ölskizze, so fällt auf, dass zwar der Runenstab, nicht aber die Vögel auf beiden Bildern zu finden sind. Dass diese jedoch von Beginn an Teil der Komposition waren, beweist wiederum die neu entdeckte Miniaturzeichnung – erst durch diesen besonderen Fund ergibt sich damit ein vollständiges Bild der „Allegorie der Sage“, das zuvor noch ganz anders gedeutet werden konnte! Sie wurde von Kaulbach auf dem Höhepunkt seiner Karriere gemalt, längst nachdem er die Düsseldorfer Akademie verlassen hatte und aufgrund seines großen künstlerischen Talents zum Hofmaler des Bayerischen Königs Ludwig I. ernannt worden war. Für die großen Fresken des Neuen Museums in Berlin hatte ihn der Preußische König Friedrich Wilhelm IV. einst persönlich aus München abgeworben. Seine Meisterwerke wurden 1866 mit dem Ritterschlag belohnt. Zu dieser Zeit hatte der gebürtige Arolser bereits mit dem Stuttgarter Verleger Cotta von Cottendorf die weit geschätzten Illustrationen zu Goethes „Reineke Fuchs“ veröffentlicht und als Direktor die Münchner Kunstakademie geleitet. Schon zu Lebzeiten war Wilhelm von Kaulbach mit seinem vielseitigen Schaffen in aller Munde gewesen, zu früh starb er am 7. April 1874 in München an der Cholera. Er hinterließ ein einmaliges Erbe, das in der großen Ausstellung „Kaulbach 150. Maler, Zeichner, Illustrator“ in Bad Arolsen erlebt werden konnte.
Besonderheiten
Durch die fachkundige Reinigung des Bildes von Restauratorin Silvia Behle konnte die einstige Schönheit der Ölskizze unter dem Grauschleier der Oberflächenverschmutzung wiederhergestellt werden. Der goldene Zierrahmen hat durch Retuschen ein gepflegteres Erscheinungsbild erhalten. Eine dunkle Partie mit ungleichmäßiger Struktur entpuppte sich bei der Betrachtung mit ultravioletter Strahlung als jüngere Retusche bzw. Übermalung. Im Zuge weiterer Untersuchungen fand Silvia Behle heraus, dass sich an dieser Stelle eine kleinformatigere Skizze des Motivs befindet – diese konnte vollständig freigelegt werden und ist für die (Neu-) Interpretation des Bildes von großem Wert! Doch nicht nur das macht „Die Sage“ aus dem Bad Wildunger Depot so besonders: Sie ist ebenso ein wichtiges wie seltenes Artefakt des monumentalen Meisterwerks von Kaulbach, das mit dem Zweiten Weltkrieg leider vollständig verloren ging. Wenn „Die Sage“ nach Bad Wildungen zurückgekehrt ist, erhält sie im Stadtmuseum einen neuen Ehrenplatz.
Zur Provenienz
Nicht immer ist auf Anhieb klar, wie ein Kunstwerk in den Besitz eines Museums gekommen sein mag. Oft sind deshalb langwierige Recherchen nötig, die wiederum nur selten erfolgreich sind. Anders liegen die Dinge bei der „Sage“ aus Bad Wildungen: Hier geben das alte Eingangsbuch sowie die Tagebücher des damaligen Museumsleiters Felix Pusch wichtige Informationen darüber preis, wie die Ölskizze einst in den Besitz der Städtischen Museen gelangte. Man denke sich nun in die Zeiten des Zweiten Weltkriegs hinein. Nach dem verheerenden Bombenangriff auf Kassel am 22./23. Oktober 1943 waren tausende Menschen aus der Großstadt nach Bad Wildungen geflohen. Um ihnen eine Unterkunft zu geben, ließ man im März 1944 auch das Heimatmuseum in der Lindenstraße räumen – für die Lagerung des Museumsguts blieb nur noch wenig Platz. Ab 1939 waren innerhalb weniger Jahre 15 Bunker in der Kurstadt entstanden. Während die meisten dieser Anlagen als Luftschutzbunker genutzt wurden und zusammen rund 5000 Menschen fassten, lagerten in einigen anderen wertvolle Kunstschätze privater und öffentlicher Sammlungen. Sowohl für den städtischen Kunstbesitz, als auch für die in den Bad Wildunger Bunkern untergebrachten Werke war der Wildunger Boden- und Heimatforscher, Chronist und Verleger Felix Pusch (1886-1948) verantwortlich. Wie Pusch im alten Eingangsbuch des Heimatmuseums festhielt, konnte er „Die Sage“ im April 1944 für 3000 Mark vom Münchner Kunstmaler Albert Fickert ankaufen. Erstaunlich scheint, dass trotz aller Kriegswirren und des gerade erst geräumten Heimatmuseums noch Gelder für neue Ankäufe bereitstanden und sich die Gelegenheit zum Reisen bot. Mit der Übereignung des Nachlasses von Felix Pusch erhielt die Stadt Bad Wildungen 1981 eine bedeutende Stiftung. Von großem Wert waren hierbei die sorgfältig geführten Tagebücher der Jahre 1939-45. Sie wurden von Uwe Claus in Reinschrift gebracht und ermöglichen einen erkenntnisreichen Einblick in den Alltag des bedeutenden Museumsleiters und Bunkerwarts Felix Pusch, der während des Zweiten Weltkrieges über die Kunst- und Kulturschätze der Kurstadt wachte und in seinen Aufzeichnungen auch die Ankäufe der Kaulbach-Bilder beschrieb.
So vermerkt Pusch am 9. April 1944 (Ostersonntag): „Heute Abend Fahrt nach München angetreten zum Einkauf von Bildern für das Heimatmuseum. Bürgermeister Sempf hatte mir hierzu 10.000 Mark zur Verfügung gestellt. Ich fuhr diesmal nicht über Frankfurt am Main, weil dort der Bahnhof zerstört ist, sondern über Guntershausen, Bebra und Würzburg.“
Für den 11. April (Dienstag) notierte er: „Heute verschiedene Kunsthändler aufgesucht. Bei Kunsthändler Zinkgraf am Lenbachplatz ein Bild von Wilhelm von Kaulbach aufgetrieben. Bildnis einer Frau, Kohlezeichnung mit Untermalung, signiert WK und Jahreszahl 1867, 43×73 cm. Ich kaufte es für 1.800 Mark fürs Museum.“
Am 15. April (Sonnabend) gab Pusch schließlich zu Protokoll: „Ich suche vormittags den Kunstmaler Joh. Fisckert (?) [wohl Albert Fickert, vgl. Eingangsbuch] in der Brienner Straße auf, der ein Bild von Wilhelm Kaulbach angeboten hatte. Es war eine Studie zu dem Bild Der germanische Schrein [„Die Allegorie der Sage“], das sich ausgeführt im Neuen Museum in Berlin befindet [befand!]. Fisckert [wohl Fickert] verlangte 3.000 Mark. Er gab mir das Bild ohne festen Kauf nach Wildungen mit. Ich war mir wegen der Qualität des Bildes etwas unschlüssig und sagte es dem Kunsthändler Zinkgraf, der mir nach längerer Unterhaltung schließlich zum Ankauf riet.“
Ob es schon damals die matte und verschmutzte Oberfläche gewesen war, die Felix Pusch fast vom Kauf der Ölskizze abgehalten hätte? Glücklicherweise fand „Die Sage“ ihren Weg von München nach Bad Wildungen. Durch die Willinger Restauratorin Silvia Behle konnte sie nun zu neuem Leben erweckt werden.








