Über die Langemarckstraße zu einer unvergesslichen Reise nach Ypern und Langemark
Mit Stolz und Dankbarkeit blickt die Stadt Bad Wildungen auf die bisherigen Ergebnisse eines besonderen Projektes, das im November 2022 durch eine wegweisende Initiative der belgischen Gemeinde Langemark-Poelkapelle, des In Flanders Fields Museum Ypern und der University of Kent angestoßen wurde. Über 30 deutsche Städte waren damals in einem Schreiben dazu aufgerufen worden, über die Hintergründe ihrer Langemarckstraßen und -plätze aufzuklären. Tatsächlich war in Bad Wildungen bisher nur wenig über diese Straße bekannt. Umgehend wurden deshalb nicht nur zwei Zusatzschilder zur Ergänzung im öffentlichen Raum erarbeitet, sondern auch eine Publikation zur Ergründung der Geschichte und Bedeutung ‚Langemarcks‘ in Bad Wildungen verfasst.
Aus dem förmlichen Schreiben zu Beginn hatte sich inzwischen ein freundschaftlicher Austausch mit den Initiatoren aus Belgien und Großbritannien entwickelt. Schon ihr Angebot, die neu konzipierte Wanderausstellung als erste Station in Bad Wildungen zu zeigen, ehrte die Stadt sehr. Mit drei Vertretern und der englischen Übersetzung von „Langemarck – Ein Vermächtnis?“ im Gepäck folgte sie nun der großzügigen Einladung zu einer unvergesslichen Reise nach Ypern und Langemark. Zu den Programmpunkten am 12. und 13. November 2024 zählten die Besichtigung des In Flanders Fields Museums, der Besuch ausgewählter Soldatenfriedhöfe und Mahnmäler sowie die Konferenz zum Projekt „Langemarckstraße“ im Rathaus von Langemark. Eine besondere Ehre wurde der Stadt zuteil, als ihre Vertreter beim abendlichen „Last Post“ in der Gedenkstätte Menenpoort einen Kranz zum Gedenken an die Gefallenen der Kriege in Ypern niederlegen durften. Die wertvollen Erfahrungen und Erkenntnisse, die Stadtrat Manuel Luxenburger, Stadtverordneter Thomas Buch und Kulturamtsleiterin Lisa Beutler auf ihrer Reise nach Ypern und Langemark sammelten, sollen mit diesem Reisebericht für alle Interessierten festgehalten werden.
Schon der erste Blick über den großen Markt auf die eindrucksvollen Tuchhallen in Ypern genügte, um uns das erste Mal sprachlos zu machen. 1914 war dieser einst mittelalterliche Gebäudekomplex durch einen Brandanschlag deutscher Truppen stark zerstört worden. In jahrzehntelanger Arbeit folgte die Rekonstruktion nach historischem Vorbild. Seit 1998 beherbergt er das In Flanders Fields Museum, das nach dem berühmten Kriegsgedicht von John McCrae benannt ist und jährlich hunderttausende Besucher zählt. Mit einer multimedialen und interaktiven Ausstellung in vier Sprachen lassen sich die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges ergründen und die Schicksale der Soldaten in Flandern anhand von Fotografien, historischen Exponaten und persönlichen Gegenständen nachempfinden. Nachdem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (aus Bremen, Gelsenkirchen, Dormagen, Freiburg, Münster und Bad Wildungen) von Dr. Stefan Goebel (University of Kent) und Jo Lottegier (Gemeinde Langemark-Poelkapelle) in der Lobby des Hotels begrüßt wurden, wartete im Museum zunächst ein spannender Vortrag von Direktor Stephen Lodewyck. Anschließend bot sich an diesem Abend die Gelegenheit, den Spuren des Ersten Weltkrieges auf eigenen Wegen durch die großen Tuchhallen zu folgen. Besonders beeindruckte uns die umfassende und reflektierte Art der Aufklärung, die im Mittelpunkt der Ausstellung steht. Ypern bezeichnet sich nicht ohne Grund als Stadt des Friedens: Mit einer so friedvollen Gedenkkultur, wie sie etwa im In Flanders Fields Museum zu spüren ist, darf sich jeder willkommen fühlen, Teil des gemeinsamen Erinnerns zu werden und für den Frieden auf der Welt einzustehen. Bei einem Abendessen lernten sich die Teilnehmer und Initiatoren des Projektes besser kennen und tauschten sich über ihre Eindrücke aus, die sie aus der Ausstellung als nachwirkende Botschaften mitnahmen.
Über 500.000 Soldaten aller Nationen waren auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Flandern gefallen. Bis heute sind die Landschaft und der Alltag der Menschen von diesem Krieg gezeichnet: Während Bauern noch immer alte Munition aus ihren Feldern pflügen, reihen sich um diese Flächen eine kaum greifbare Menge an Soldatenfriedhöfen und Mahnmälern aneinander. Da es den Ländern des Commonwealth im Krieg nicht gestattet war, die Leichname ihrer Soldaten in ihre Heimat zu überführen, finden sich in Flandern allein 160 britische Friedhöfe, die diesen Männern ihre letzte Ruhestätte gaben und die Erinnerungen an die zahllosen Toten von 1914-1918 lebendig erhalten. Für den Vormittag des 13. November hatten Dr. Stefan Goebel, Jo Lottegier und Stephen Lodewyck eine Bustour zu ausgewählten Gedenkstätten im Umland organisiert, um die unglaubliche Zahl an Toten greifbarer zu machen. Unsere erste Station führte uns zum Tyne Cot Commonwealth War Graves Cemetery and Memorial to the Missing, der mit 11.961 Soldaten der größte dieser Art in der Welt ist! Sofort fiel uns das massive „Cross of Sacrifice“ im Zentrum der Anlage auf, das auf einem Bunker zur Erinnerung an diese Opfer des Krieges errichtet wurde. Jedem Einzelnen war auf dem Tyne Cot mit großer Aufmerksamkeit ein eigener Grabstein gewidmet worden. Während wir durch die zahllosen Reihen akkurat gesetzter Gräber schritten und das ungeheuerliche Ausmaß des Leids auf uns wirkte, hörten wir in der Nähe einen Knall – eine kleine Rauchwolke stieg empor. War dies etwa eine der besagten Minen, die hier noch zuhauf in den Böden steckten? Von Dr. Goebel erhielten wir einen informativen Überblick über die Geschichte und Bedeutung der Friedhofsanlage und erfuhren spannende Details. Mit einem großen Gefühl der Ehrfurcht stiegen wir wieder in den Bus, der uns nun zum kanadischen Denkmal „The Brooding Soldier“ in Sint-Juliaan führte. Auf einem Plateau steht inmitten eines Parks die monumentale Gedenksäule für „CANADA“, die ihren Abschluss in der Büste eines Soldaten mit Helm und umgedrehtem Gewehr findet. Wie Jo Lottegier berichtete, blickt die Figur dabei mit gesenktem Kopf in jene Richtung, aus der die erste Giftgaswolke deutscher Truppen am 22. April 1915 gekommen war und kanadische Soldaten schleichend aus der Luft überraschte. Zu Tausenden hatten sie durch das ungekannte Gift einen qualvollen Tod erlitten. Seit 1923 erinnert „The Brooding Soldier“ an ihre Geschichte und mahnt seine Besucher zum Frieden. Einen kurzen Halt machten wir auf der Weiterfahrt zwischen Ypern und Diksmuide. Über die Steenstraat hinweg sahen wir das „Cross of Reconciliation“, das an das Schicksal tausender französischer Soldaten erinnert. Früher hatte hier ein obeliskartiger Gedenkstein gestanden, der die Schrecken des Chlorgasangriffs von 1915 abbildete. Nachdem die Anlage der Zerstörungswut deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen war, ließen belgische und französische Veteranen an dieser Stelle ein großes und erhabenes Kreuz aufstellen – seit 1961 spiegelt sich hierin der gemeinsame Wunsch nach Frieden und Versöhnung. Von den Eindrücken des Gesehenen und Gehörten geprägt, erreichten wir den deutschen Soldatenfriedhof Langemark. Auf einer relativ kleinen Fläche in recht nüchtern-idyllischer Gestaltung, die von symmetrisch angelegten Grabplatten gegliedert und von großen Eichenbäumen und steinernen Kreuzen gerahmt ist, liegen hier seit 1932 die Überreste von 44.304 deutschen Soldaten, die 1914 in Flandern fielen. Zur nördlichen Seite zeichnen drei Bunker und 52 Steinsarkophage mit Inschriften beteiligter Verbände die einstige Frontlinie der Ersten Flandernschlacht symbolisch nach. Ohne vorgegebene Wege passierten wir die zahllosen Gräber unbekannter Soldaten, bis wir den Ehrenhof mit ewigem Kranz erreichten. Hier stießen wir nicht nur auf die „Trauernden Soldaten“ von Emil Krieger, sondern auch auf das von Metalltafeln gerahmte Gemeinschaftsgrab des Friedhofs mit 24.917 Toten! Bedrückt von dem kaum zu greifenden Leid, das die Toten des Ersten Weltkrieges auf den Schlachtfeldern Flanderns ereilte und auf den besichtigten Friedhöfen als Mahnung auf uns wirkte, erreichten wir mit dem Bus das Rathaus von Langemark. Hier war für den Nachmittag eine große Konferenz zum Projekt „Langemarckstraße“ angesetzt, die viele spannende Erkenntnisse zutage förderte.
Zunächst begrüßte Laurent Hoornaert, Stadtrat der Gemeinde Langemark-Poelkapelle, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz und unterstrich die Bedeutung dieses Projektes für eine gemeinsame Erinnerungsarbeit in Europa. Anschließend führten Dr. Stefan Goebel, Direktor des Zentrums für Kriegs-, Medien- und Gesellschaftsgeschichte an der University of Kent, und Stephen Lodewyck, Direktor des In Flanders Fields Museum Ypern, in das gemeinsam mit Langemark-Poelkapelle initiierte Projekt ein. Wir erfuhren, dass von den über 30 deutschen Städten, die im November 2022 angeschrieben worden waren, 18 in unterschiedlicher Form darauf reagierten. Wie, ließ sich nicht nur in einigen Erläuterungen der Initiatoren, sondern auch in ausgewählten Kurzvorträgen nachvollziehen. Den Anfang machte Kulturamtsleiterin Lisa Beutler, die über die ergriffenen Maßnahmen in Bad Wildungen berichtete. Das Vorhaben der Stadtverwaltung, die in Belgien und Großbritannien verbreitete Gedenkkultur ab Frühling 2025 mit einem Mohnblumenfeld sichtbar zu machen, stieß dabei auf eine positive Resonanz im Publikum. Es folgte Prof. Konrad Elmshäuser vom Staatsarchiv Bremen. Er berichtete, dass drei Hauptstraßen von den Nationalsozialisten zur Langemarckstraße zusammengefasst worden waren. Schon länger wird in der Hansestadt Bremen eine große politische Debatte zu einer möglichen Umbenennung geführt. Eine für nächstes Jahr geplante Anwohnerbefragung soll Klarheit in dieser Sache bringen. Via Teams nahm Judith Höhn-Engers vom Stadtarchiv Koblenz an der Konferenz teil. Sie offenbarte, dass der dortige Langemarkplatz auch durch seine Nähe zur ehemaligen Adolf-HitlerBrücke und des dort ansässigen Korpsbekleidungs-amtes ab 1934 eine zentrale Rolle spielte. Durch große bauliche Veränderungen, die im Laufe der Jahrzehnte vorgenommen wurden, sei der Platz aber inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden – Straßenschilder fehlen, die auf den namentlich noch immer existenten Platz verweisen. Von Dr. Daniel Schmidt vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen erfuhren wir, dass es dort seit 1937 eine Langemarckstraße gibt. Obgleich zahlreicheStraßen der NS-Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges umbenannt worden waren, blieb diese Straße wie auch in anderen westdeutschen Städten bestehen. Eine 2016 aufgestellte Erinnerungsorte-Tafel klärt inzwischen über die Hintergründe des Straßennamens auf und mahnt zur Wachsamkeit gegenüber politischer Manipulation. Zuletzt sprach Dr. Stephen Schröder vom Archiv im Rhein-Kreis Neuss über die Situation in Dormagen. Seit den 1930er Jahren hatte es hier nicht nur eine Langemarckstraße, sondern auch eine darin liegende Langemarckschule gegeben. Letztere behielt bis 1968 diesen Namen, bis sie von Amts wegen umbenannt wurde. Für große Schlagzeilen sorgte Dormagen kaum 20 Jahre später, als vom damaligen Rektor der Vorschlag kam, die Schule wieder zur Langemarkschule (diesmal ohne „ck“) umzubenennen – welch ein Skandal! Während dieser Vorschlag 1986 also nach hitzigen Debatten schnellstmöglich abgelehnt wurde, blieb die Langemarkstraße – jetzt mit leicht veränderter Schreibweise – weiterhin bestehen. Heute klären in der nordrhein-westfälischen Stadt ein Zusatzschild sowie der von der Initiative „Langemarckstraße“ vorgeschlagene QR-Code über die Hintergründe des Straßennamens auf und liefern umfassende Informationen. An die Kurzvorträge knüpfte sich zum Abschluss der Konferenz noch ein großes Highlight: Erstmals konnte die neu konzipierte Wanderausstellung besichtigt werden, die sich für die nächsten Jahre im Zeichen des gemeinsamen Gedenkens auf eine Reise durch Deutschland und Belgien begibt. Stolz nahmen wir die Ausstellung zu unserem Reisegepäck, bevor es zu einem weiteren einprägsamen Ereignis wieder Richtung Ypern ging.
Die Menenpoort nahe des großen Marktes ist ein Ehrenbogen zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten Großbritanniens und des Commonwealth, die bis heute als vermisst gelten und ohne eigenes Grab geblieben sind – 54.896 Namen sind hier an den steinernen Wänden der großen Gedenkhalle zu lesen! Schon 1928 waren die Menschen erstmals an diesem Ort zusammengekommen, um für die Gefallenen das „Last Post“ zu spielen und an ihre Schicksale zu erinnern. Seither sollte – nur mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg – kein Abend vergehen, an dem nicht das traditionelle militärische Hornsignal ertönte und Hinterbliebene Kränze zu ihrem Gedenken niederlegten. Am Abend des 13. November durften wir Teil dieser bedeutenden Zeremonie werden, die vollständig ehrenamtlich getragen wird. Nachdem pünktlich um 20 Uhr der Verkehr gestoppt war, erklang aus den Trompeten zunächst das „Last Post“. Eine junge Frau verlas daraufhin vor Hunderten den Mahnruf (Exhortation), an den sich eine Minute der Stille knüpfte. Nicht nur für das Projekt „Langemarckstraße“, sondern auch für die Stadt Bad Wildungen hatte das In Flanders Fields Museum einen Blumenkranz besorgt. Zu dritt schritten wir nun auf die andere Seite der Menenpoort, um dort im Zeichen unserer Verbundenheit diesen Kranz niederzulegen. Uns wurde damit an diesem Abend eine besondere Ehre zuteil, an die wir noch lange zurückdenken werden… Beim Abendessen ließen wir die Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren. Mit zahlreichen neuen Erkenntnissen und voller Dankbarkeit ging es am nächsten Morgen schließlich zurück nach Hause. Obgleich uns hier der Alltag schnell wieder einholte, ist die besondere Reise nach Ypern und Langemark noch immer allgegenwärtig. Mit großer Vorfreude blicken wir daher auf die Eröffnung der Wanderausstellung am 30. November 2024, zu der wir Dr. Stefan Goebel, Jo Lottegier und Jan Maenhoudt (Vertreter der belgischen Botschaft in Deutschland) bei uns in Bad Wildungen begrüßen dürfen.
Thomas Buch: „Es waren Tage voller berührender Momente. Einerseits war diese Reise aus historischer Sicht natürlich hoch interessant, andererseits beeindruckte aber auch das herzliche Willkommen, das uns allen entgegengebracht wurde. So verabschiedete sich am Ende eine Gruppe neuer Bekanntschaften und Beziehungen, die es sich vorgenommen hat, spätestens bei Rückkehr der Wanderausstellung nach Langemark-Poelkapelle wieder zusammenzukommen und bis dahin an einer gemeinsamen Gedenkkultur in freundschaftlichem Austausch zu arbeiten. Vielen Dank für diese tollen Erfahrungen!“
Manuel Luxenburger: „Für mich gibt es eine Zeit vor und nach Langemark. Die Eindrücke, die ich in Ypern und in der Gemeinde Langemark-Poelkapelle erfahren durfte, haben mir gezeigt, dass eine respektvolle Erinnerungskultur für Freiheit und Frieden in Europa entscheidend ist. Das Erbe der Region Ypern ist eine Bürde. Aber sie wird von den Menschen dort mit Fassung, der nötigen Weitsicht und einer unfassbaren Ausdauer getragen! Dafür bedanke ich mich!“
















