Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger,

wie jedes Jahr seit meinem Amtsantritt ist diese Ansprache einer meiner schwersten. Ich sitze oft da und überlege, wie ich in Worte fassen soll, was mich bewegt, was mich antreibt, was in unserer Gesellschaft geschehen ist und geschieht.

Die Reichspogromnacht oder die Reichskristallnacht, wie sie zynisch von den Nationalsozialisten genannt wurde, markiert einen wirklich grauenhaften Punkt in unserer deutschen Geschichte und in der Geschichte der jüdischen Bevölkerung. Juden wurden attackiert, misshandelt, verschleppt oder getötet. Ihre Habseligkeiten und Geschäfte zerstört und geplündert. Eine systematische Attacke und eine geplante vollständige Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland.

Viele Menschen, die meisten sogar, haben damals weggesehen, sind nicht eingeschritten. Sie haben Augen und Ohren verschlossen, stillgehalten und geschwiegen. Die Gründe dafür waren vielfältig. Zustimmung zu diesen mörderischen Taten, Angst vor Konsequenzen, wenn man den jüdischen Nachbarn und Freunden beigestanden hätte. Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden, Angst vor Repressalien oder Gewalt. Das eigene Leben ist einem so viel näher, wenn es bedroht scheint. Da kannte man plötzlich die jüdischen Freunde nicht mehr, die netten Nachbarn, den Kaufmann von nebenan. Wie Lemminge folgte man der brüllenden Masse, oder wandte sich krumm vor Scham ab und versteckte sich, um ja nicht aufzufallen.

Was muss in den jüdischen Menschen in diesen Momenten vorgegangen sein? Attackiert, bespuckt, gedemütigt, misshandelt, gezwungen zuzusehen wie Angehörige schwer verletzt oder gar getötet und die mühsam aufgebaute Existenz systematisch zu Kleinholz geschlagen oder gestohlen wurde, während die Blicke hilfesuchend umherirrten, aber niemand half? Wie allein und verlassen, wie ausgeliefert müssen sich diese Menschen gefühlt haben?

Wenn ich dann vor meinem Manuskript sitze und an meiner Rede arbeite, dann wird das Schicksal dieser Menschen in meiner Fantasie lebendig. Wie ein Film läuft es vor meinem inneren Auge ab, was damals geschehen ist. Auch Bad Wildungen hatte eine Synagoge, auch Bad Wildungen hatte ein buntes jüdisches Leben mit Bürgern, die die Stadt auf kulturelle und wirtschaftliche Art sehr bereichert haben. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass ich auf meinem Weg zum Büro und durch die Stadt oft genug an Stolpersteinen vorbeikomme. Und dann muss ich mich fragen, ob und wie ich diese Stolpersteine noch wahrnehme. Bin ich so beschäftigt, dass ich einfach über sie hinweg laufe? Nehme ich sie noch wahr, vermeide, auf sie zu treten und widme den Bewohnern wenigstens einen kurzen Gedanken? Wann habe ich das letzte Mal innegehalten, eine Inschrift gelesen, die Fassade des Hauses betrachtet und mir vorgestellt, wer die ehemaligen Bewohner gewesen sind und was ihr Schicksal war?

„Ach komm“, wird so mancher sagen. „Das Ganze ist doch schon so lange her. Das ist vor meiner Zeit passiert und auch vor deiner. Lass doch Gras über die Sache wachsen, das ist Vergangenheit, uns betrifft es doch nicht.“ Das wäre herrlich bequem. Aber so läuft das Leben nun mal nicht. Nach der fürchterlichen Zeit des Dritten Reiches haben wir uns in unserem Land deutlich zur Bewahrung und zum Schutz jüdischen Lebens bekannt. Und dazu gehört auch das Erinnern, das Gedenken, die Besinnung. Und vor allem das Wachhalten des Gedankens, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Dann schweifen meine Gedanken zum Frühjahr dieses Jahres zurück, in dem die Menschen für mehr Demokratie auf die Straße gingen. Auch in Bad Wildungen gab es Demonstrationen. Und natürlich vor allem in den Großstädten. Gerade nach den Gräueltaten am 7. Oktober letzten Jahres waren die Sinne geschärft, für Demokratie, für Vielfalt. Und plötzlich tauchten in den Großstädten andere Gestalten auf, die zu tausenden auf die Straße gingen, um plötzlich wütend und nahezu unbehelligt die Auslöschung Israels und vor allem der Menschen jüdischen Glaubens forderten. Aggressiv waren diese Demonstranten, gewaltbereit, hasserfüllt. Während die friedlichen Demonstranten mit bunten Schildern und Musik für Demokratie und Vielfalt auf die Straße gingen, regierte dort blanker Hass, herausgebrüllt aus wutverzerrten Gesichtern. Ich war schockiert, entsetzt, angeekelt. Und gleichzeitig froh, dass es diese Demonstrationen in Bad Wildungen nicht gab. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber was passiert, wenn sich der Hass die Maske der Meinungsfreiheit überstülpt?

Ich sitze da und überlege, was passiert wäre, hätte es eine dieser antijüdischen Demonstrationen in unserer Stadt gegeben. Wie hätten die Bürgerinnen und Bürger reagiert? Wären die Demonstranten vom Frühjahr auf die Straße gegangen und hätten sich dem hasserfüllten Mob mutig entgegengestellt? Oder hätten sie es ihren Vorfahren gleichgetan, hätten sich versteckt, wären zu Hause geblieben, hätten den Mund gehalten und vielleicht betreten zur Seite geschaut? Was hätte ich als Bürgermeister getan? Gedanken gehen ihre eigenen Wege und so ein Kopfkino kann ausgesprochen gemein und unbequem sein. Mit Worten ist man schnell dabei, aber werden dann wirklich Taten daraus? Mich haben diese Gedanken aufgeschreckt und verstört. Wie würde ich handeln? Nicht nur in Gedanken oder auf dem Papier, sondern in der Realität. Wer würde neben und hinter mir stehen, wenn es wirklich darum ginge, jüdisches Leben in dieser Stadt aktiv zu schützen und für diese Menschen einzustehen? Wie viele Demonstranten vom Frühjahr wären dann an meiner Seite? Wenn ich hier so vor Ihnen stehe und in die vielen Gesichter schaue, dann möchte ich jetzt direkt fragen: Wären Sie dabei? Wärst du dabei? Wäre die Antwort auch ehrlich?

Wir müssen ein Gedenken und eine Erinnerung nicht in Stein meißeln, nicht einbetonieren. Erinnerung und die Lehre daraus müssen lebendig bleiben. Lebendige Erinnerung macht etwas mit uns, sie treibt uns um, beschert uns traurige und auch unangenehme Gedanken. Aber sie lebt und bewegt uns. Und genau das ist es, was etwas bewirkt.

Und so kann ich Sie alle hier, uns alle, nur auffordern, eine lebendige Erinnerung zuzulassen und sich darauf einzulassen. Sich damit auseinanderzusetzen und sich selbst einmal auf den Prüfstand zu stellen. Dann ist man ein Teil dieser Erinnerungen und ein Teil der Gesellschaft, die verhindern wird, dass es noch einmal zu solch entsetzlichen Gräueltaten kommt. Es kommt auf jeden einzelnen von uns an, auf die innere Einstellung, die dann spontan zum Tragen kommt, wenn es ums Ganze geht. Zu wissen, was man tun wird, für was und wen man einstehen wird, sollte es nötig sein, braucht einen festen Platz in unseren Gedanken. Ausgiebig nachzudenken, wenn etwas passiert, ist viel zu spät. Dann sind wir nicht besser als die Menschen damals, die tatenlos zugeschaut und geschwiegen haben.

„Nie wieder ist jetzt“ habe ich auf Plakaten bei den Demos im Frühjahr gelesen. Und dieser Satz passt perfekt zu diesem Gedenktag. Jetzt ist der Moment, wo wir alle ein klares Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens brauchen, nicht zuletzt für die Nachfahren der Menschen, die damals so viel Leid erfahren haben. Das sind wir diesen Menschen schuldig, unserer Gesellschaft und den Generationen nach uns. „Nie wieder ist jetzt! Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten, sollte es nötig sein.

Nie wieder ist jetzt!